Drei Organisationen schlagen Alarm – und sprechen für 400.000 Fischerinnen und Fischer in Österreich: Der Österreichische Fischereiverband, das Österreichische Kuratorium für Fischerei und Gewässerschutz und der River and Nature Trust ziehen in aller Klarheit gemeinsam an einem Strang.
Die Energiewende darf nicht zur Gefahr für jene Ökosysteme werden, die sie eigentlich schützen soll. Im Zentrum der Kritik steht das geplante Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz (EABG). Was als politischer Turbo für den Ausbau erneuerbarer Energie gedacht ist, könnte in der Praxis zu einem massiven Eingriff in Österreichs letzte intakte Fließgewässer führen. Und damit in jene Lebensräume, für die rund 400.000 Fischerinnen und Fischer in diesem Land Verantwortung tragen.
Ein leiser Verlust – mit dramatischen Folgen
Österreichs große Flüsse sind längst reguliert, verbaut und genutzt.
Was bleibt sind die kleinen und mittleren Bäche – oft unscheinbar, aber ökologisch von unschätzbarem Wert.
Sie sind Kinderstuben für Jungfische, Rückzugsraum für bedrohte Arten und Grundlage funktionierender Gewässernetze.
Gerade hier setzt aber der Gesetzesentwurf an. Beschleunigte Genehmigungsverfahren, vereinfachte Prüfungen und wirtschaftliche Anreize könnten dazu führen, dass genau diese sensiblen Gewässer verstärkt für Kleinwasserkraftwerke erschlossen werden.
„Verantwortungslos gegenüber kommenden Generationen”

Die Kritik der Fischerei ist deutlich – und geschlossen. Gert Gradnitzer, Präsident des Österreichischen Fischereiverbandes, bringt es auf den Punkt:
„Den Schutz der letzten sehr guten Gewässerstrecken in Österreich zu opfern, ist vor allem im Hinblick auf die nachkommenden Generationen verantwortungslos. Es geht dabei nicht um Einzelfälle, sondern um eine grundlegende Weichenstellung: Wie viel Natur ist Österreich bereit für vergleichsweise geringe Energiegewinne zu opfern?“
Die Fakten: Viel Schaden, wenig Nutzen

Auch aus wissenschaftlicher Sicht ist die Lage klar, wie Heinz Heistinger, Präsident des Kuratoriums für Fischerei und Gewässerschutz, betont:
„Es ist wissenschaftlich evident, dass durch den weiteren Ausbau der Wasserkleinkraftwerke kaum zusätzlicher Strom zu erzeugen ist.“
Gleichzeitig weist er auf einen entscheidenden Punkt hin:
- Kleinwasserkraft ist oft nur durch Förderungen wirtschaftlich
- Der ökologische Schaden ist jedoch dauerhaft und irreversibel
Und noch schwerer wiegt:
„Die weitere Zerstörung unserer Bäche und Flüsse steht im klaren Widerspruch zu den europäischen Verpflichtungen zum Gewässerschutz. Damit wird aus einem energiepolitischen Thema auch ein rechtliches und moralisches.“
Ein Bruch mit dem europäischen Naturschutz
Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie verpflichtet alle Mitgliedstaaten dazu, den Zustand ihrer Gewässer zu verbessern – nicht zu verschlechtern.
Doch genau das droht nun zu passieren. Statt Renaturierung entsteht neuer Verbau. Statt Durchgängigkeit schaffen wir neue Barrieren. Statt Artenschutz sollen schädigende Eingriffe beschleunigt werden, gestützt durch Steuergelder.
Für Expert:innen ist klar: Das Gesetz steht in seiner aktuellen Form im Widerspruch zu zentralen Umweltzielen Europas.
Die Stimme des River and Nature Trust

Für den River and Nature Trust spricht Präsident Prof. Peter Schröcksnadel – mit einer klaren, unmissverständlichen Botschaft:
„Die Energiewende darf nicht zur letzten Ausbaustufe der Naturzerstörung werden. Wer heute die letzten intakten Bäche verbaut, verspielt die ökologische Zukunft Österreichs – für minimalen Energiegewinn.“
„Die Rufe der Fischerei wurden nicht gehört, beziehungsweise nicht ernst genug geprüft. Wir alle wissen, dass wir mehr Energie brauchen, doch die entscheidende Frage ist: Wie – und zu welchem Preis?“
Die stille Verantwortung von 400.000 Menschen
Österreichs Fischerinnen und Fischer sind mehr als eine Interessensgruppe.
Sie sind Beobachter, Bewahrer und oft die ersten, die Veränderungen in den Gewässern wahrnehmen. Sie sehen sinkende Bestände, veränderte Gewässerstrukturen & eine fehlende Balance im Artenschutz. Der zunehmende Druck auf sensible Lebensräume ist durch das EABG übermächtig, wir werden unseren Bächen mit vitalen Strukturen, wie wir sie heute in nur mehr geringer Zahl sehen, endgültig ade sagen müssen.
Eine Energiewende mit Augenmaß, basierend auf einem Dialog zwischen Wasserkraft und Natur.
Die drei Organisationen betonen ausdrücklich:
Sie sind nicht gegen die Energiewende, sie sind für sinnvolle Kraftwerksbauten, wie z.B. große Pumpspeicheranlagen, die auch wirtschaftliche Ergebnisse, unabhängig von Förderungen bringen. Aber sie fordern eine Energiewende, die ökologisch verträglich ist, die rechtlich sauber umgesetzt wird und die enkeltüchtig funktioniert.
Eine Wende, die nicht dort ansetzt, wo der Schaden am größten und der Nutzen am kleinsten ist.
Was jetzt passieren muss, ist klar und unmissverständlich:
Das Gesetz muss grundlegend überarbeitet werden, mit klar definierten Schutzräumen für sensible Gewässer, einem konsequenten Fokus auf wirklich wirksame Energieformen wie Photovoltaik, Wind und Speicher sowie einer stärkeren Einbindung von Wissenschaft und Praxis. Denn eines steht fest – die letzten intakten Bäche sind nicht ersetzbar. Die Energiewende ist zweifellos eine der größten Aufgaben unserer Zeit, doch sie wird nur dann erfolgreich sein, wenn sie nicht neue Probleme schafft, während sie alte zu lösen versucht.
Oder, um es mit den Worten von Prof. Schröcksnadel zu sagen:
„Wer heute die letzten intakten Bäche verbaut, dem fehlen die Ideen. Vielleicht beginnen wir einmal mit dem Sparen von Energie!“
