Elritzen: Kleine Fische ganz groß. Verborgene Vielfalt der Elritzen in Österreich

Elritzen

Süßwasserökosysteme sind ökologisch und gesellschaftlich von großer Bedeutung: Sie bieten Lebensräume für viele Tier- und Pflanzenarten, stabilisieren Ökosysteme und liefern Nahrung, Trinkwasser sowie Transportwege. Zudem regulieren sie das Klima und bieten immaterielle Leistungen wie Bildung und Erholung. Trotz ihrer Bedeutung zählen sie zu den am stärksten bedrohten Ökosystemen. Ursachen sind Übernutzung, Verschmutzung, veränderte Strömungsverhältnisse, Lebensraumverlust und die Einführung nicht-heimischer Arten.

Diese können einheimische Bestände beeinflussen, genetische Vermischungen verursachen und ökologische Gleichgewichte verschieben. Der Mangel an Biodiversitätsdaten verschärft die Situation zusätzlich. Problematisch sind dabei insbesondere sogenannte kryptische Arten, die äußerlich sehr ähnlich wirken, sich genetisch jedoch deutlich unterscheiden. Dadurch wird die tatsächliche Vielfalt häufig unterschätzt.

Elritzen

Ein gutes Beispiel für kryptische Arten sind Elritzen der Gattung Phoxinus. Diese kleinen Schwarmfische besiedeln unterschiedliche Gewässertypen, insbesondere klare Fließgewässer der Forellen- und Äschenregion. Besonders auffällig sind die Männchen während der Laichzeit von April bis Juli, da sie in dieser Zeit intensive Rot-, Orange- oder Pinkfärbungen entwickeln.

Verborgene Vielfalt von Elritzen

Die Eurasische Elritze wurde bereits 1758 als Art Phoxinus phoxinus beschrieben. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden zwar weitere Arten innerhalb der Gattung beschrieben, darunter P. marsilii aus Wien und P. morella aus Mitteldeutschland, diese wurden später jedoch wieder zusammengefasst. Erst die Forschung der letzten Jahrzehnte hat gezeigt, dass die Gattung deutlich vielfältiger ist als lange angenommen. Die morphologische Identifizierung von Elritzenarten ist aufgrund großer äußerlicher Variabilität schwierig. Deshalb wurde die verborgene Biodiversität der Gattung vor allem mithilfe molekularer Methoden entdeckt, durch die die unterschiedlichen Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der Eurasischen Elritzen deutlich wurden. Heute werden bis zu 28 Arten unterschieden, deren Abgrenzung teilweise noch Gegenstand aktueller Forschung ist.

Elritzen in Österreich

Studien, die in den Jahren 2017 und 2020 in Österreich durchgeführt wurden, haben gezeigt, dass vier Elritzenarten in österreichischen Gewässern vorkommen. Durch die Analyse von Museumsmaterial in der Fischsammlung des Naturhistorischen Museums Wien, das vor den massiven Einschleppungen gesammelt wurde, wurde nachgewiesen, dass drei Arten (P. csikii, P. lumaireul, P. marsilii) natürlich vorkommen, während P. phoxinus aus Rhein-Einzugsgebieten in Nordeuropa (Norddeutschland oder den Niederlanden) eingeschleppt wurde.

Datenlage verbessern

Es gab jedoch zu wenige Daten, um die Verbreitung und Vielfalt der Elritzenarten in Österreich klar zu verstehen. Daher wurde ein Citizen-Science-Projekt gestartet, gefördert von der Agentur für Bildung und Internationalisierung (OeAD) sowie dem Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung. Dabei haben Schüler:innen und Sportfischer:innen, unterstützt von Wissenschaftler:innen sowie Fischereivereinen und -verbänden, bei der Datensammlung geholfen. So ist eine große Menge an Daten zusammengekommen, die anschließend mit molekularen Methoden ausgewertet wurde. Auch Tiroler Fischereivereine und Bewirtschafter engagierten sich bei der Datensammlung.

Hohe Vielfalt der Elritzen in Österreich bestätigt

Genetische Probennahme mittels Tupfer

Mit hoher Probenahmedichte konnten frühere Ergebnisse zur hohen Diversität der Gattung Phoxinus in österreichischen Gewässern bestätigt werden. Die Analysen zeigten das Vorkommen von fünf verschiedenen Arten: drei heimische Arten (P. lumaireul, P. csikii und P. marsilii) sowie eine nicht heimische Art (P. phoxinus). Innerhalb von P. lumaireul wurden drei genetische Linien (1a, 1c und 1d) identifiziert; zwei davon (1a und 1c) werden ebenfalls als eingeführt angesehen.

Für Österreich wurde mit Phoxinus. cf. morella eine neue Elritzenart entdeckt. Sie wurde jedoch ausschließlich in zwei gemischten Populationen gemeinsam mit P. csikii in Oberösterreich nachgewiesen. Ganzgenomische Analysen bestätigten jedoch, dass sie ursprünglich in Österreich vorkommt und nicht aus angrenzenden Regionen, etwa der Tschechischen Republik, eingebracht wurde.

Insgesamt weisen die zahlreichen gemischten Populationen auf das Vorhandensein natürlicher Kontakt- und Vermischungszonen hin. Wie bereits in früheren Arbeiten zu Phoxinus vorgeschlagen wurde, spiegeln die Verbreitungsmuster sowohl historische Veränderungen von Flusssystemen als auch anthropogene Einflüsse wider.

Elritzen in Tirol

In Tirol ist die Elritzenart P. csikii heimisch, jedoch sind – abhängig vom Gewässersystem – mehrere genetische Linien präsent. Die meisten Populationen gehören jener genetischen Linie an, die für das Inn-Einzugsgebiet typisch ist. Einige Populationen zeigen jedoch Vermischungen mit anderen genetischen Linien aus dem Alpenrhein- und Donaueinzugsgebiet.

Darüber hinaus wurde auch eine genetische Linie von P. lumaireul, die in Südtirol heimisch ist, in Tirol im Inn-Gewässersystem nachgewiesen. Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen: Einerseits könnte es durch die Verwendung von Köderfischen zu Einschleppungen gekommen sein. Es existieren informelle Berichte, wonach Elritzen als Köderfische zwischen Tirol und Südtirol transportiert wurden. Zudem wurde in Südtirol auch die für Tirol heimische Art P. csikii gefunden.

Andererseits könnte die heute beobachtete genetische Durchmischung ein Relikt vergangener Zeiten sein, als die heute getrennten Wassersysteme noch miteinander in Verbindung standen.

Citizen Science als Methode

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Projekts ist die Einbindung von Citizen Scientists – also Bürgerwissenschaftler:innen. Durch die Mitarbeit von Freizeitfischer:innen und Schüler:innen sowie regionalen Partnern konnte die Anzahl der Probenstandorte deutlich erhöht werden. Dieser Ansatz ersetzt zwar keine standardisierte wissenschaftliche Erhebung, stellt jedoch eine wertvolle Ergänzung dar und ermöglicht eine wesentlich breitere Datengrundlage.

Fazit: Erfolgreiches Projekt bringt neue Erkenntnisse zur Elritzenforschung

Insgesamt zeigt das Projekt, dass die Elritzen in Österreich wesentlich vielfältiger sind als bisher angenommen. Gleichzeitig wird ersichtlich, dass ihre Verbreitung sowohl durch natürliche historische Prozesse als auch durch menschliche Aktivitäten geprägt ist. Die Kombination moderner genetischer Methoden mit großflächiger Probennahme und der Einbindung der Öffentlichkeit bietet dabei neue Möglichkeiten, die Bestände besser zu verstehen und zukünftige Entwicklungen frühzeitig zu erkennen.

Infobox

Webseite: https://elritzen.at/

Wissenschaftliche Studie: Chai, M.J., Bogutskaya, N.G., Reier, S.,…, Palandačić A. Data collected in a citizen scientist study uncover a new species record of Phoxinus minnow for Austria. Environmental Monitoring and Assessment, 198, 319 (2026).

Kontakt Person: Priv.-Doz. Dr. Anja Palandačić; anja.palandacic@nhm.at
Das Citizen-Science-Projekt „Biodiversität der Elritzen in Österreich“ wurde von der Österreichischen Agentur für Bildung und Internationalisierung (OeAD) des Bundesministeriums für Frauen, Wissenschaft und Forschung im Rahmen des Programms „Sparkling Science 2.0“ zwischen den Jahren 2022 und 2026 gefördert.