Zwischen Biberdamm und Fischbestand


Kaum ein heimisches Wildtier verändert seine Umgebung so sichtbar wie der Biber. Als geschickter Baumeister gestaltet er Fluss- und Uferlandschaften, schafft neue Lebensräume und kann zur ökologischen Vielfalt unserer Gewässer beitragen. Nach seiner Rückkehr breitete sich der Biber auch in Tirol rasant aus – und beeinträchtigt aber mittlerweile Lebensräume anderer geschützter und bedrohter Fischarten. Besonders Fraßschäden an schattenspenden Ufergehölzen, Veränderungen der Gewässerstruktur und Fließgeschwindigkeiten durch Biberdämme sowie die Beeinträchtigung von Infrastruktur zeigen die Nachteile einer hohen Biberpopulation klar auf. Ein verantwortungsvolles Bibermanagement ist hier der Schlüssel, um mit Herausforderungen und Konfliktfeldern für die Fischerei angemessen umgehen zu können. Eine Initiative des Tiroler Fischereiverbandes und der Revierausschüsse soll hier auch besonders betroffene Regionen unterstützen, die Auswirkungen des Bibers zu reduzieren.

Biologie und Lebensweise

Der Europäische Biber (Castor fiber) zählt mit bis zu 30 kg Körpergewicht zu den größten heimischen Säugetieren und ist zugleich das größte Nagetier Europas. Nach seiner vollständigen Ausrottung in Tirol im 19. Jahrhundert kehrte der Biber im Zuge von Wiederansiedelungsprojekten und natürlicher Ausbreitung ab den 1990er-Jahren wieder an Tirols Gewässer zurück. Heute besiedelt er erneut zahlreiche Fluss- und Bachabschnitte und steht europaweit unter strengem Schutz.

Der Biber ist hervorragend an das Leben im Wasser angepasst. Sein dichter Pelz, mit bis zu 23.000 Haaren pro cm², die Schwimmhäute an den Hinterfüßen sowie der abgeflachte Schwanz ermöglichen ihm eine semiaquatische Lebensweise. Als dämmerungs- und nachtaktive Pflanzenfresser ernähren sie sich überwiegend von Kräutern, Wasserpflanzen sowie von Rinde und jungen Trieben verschiedener Gehölze, insbesondere von Weiden und Pappeln. Mit ihren charakteristischen, tief im Kiefer verankerten, eisenhaltigen Nagezähnen können Biber auch größere Bäume fällen, um an die jungen Triebe zu gelangen.

Biber leben in Familienverbänden und gehen in der Regel monogame Paarbindungen ein. Nach einer Tragzeit von rund drei Monaten kommen zwischen Mai und Juni meist zwei bis vier Jungtiere zur Welt, die mehrere Jahre im Familienverband bleiben und beim Ausbau und Schutz des Reviers mitwirken. Nach zwei Jahren gehen die Jungtiere auf die Suche nach eigenen Revieren. Der Biber ist eigentlich eine Charakterart der Auen. Da in Tirol nur noch Restbestände der Auen übrig sind, besiedelt der Biber zusehends Fließgewässer der Bachforellen- und Äschenregion und verursacht dort starke Probleme für die strömungsliebenden Fischarten.

Baumeister der Gewässerlandschaft

Die Außenwirkung des Bibers besteht vor allem durch ihre oft auffälligen und lebensraumverändernden Bauwerke. Mit seinen kräftigen Schneidezähnen fällt der Biber Bäume und Sträucher bis ca. 20 m landeinwärts, um an Nahrung zu gelangen, aber auch um Baumaterial zu gewinnen. Als Wohn- und Rückzugsort errichtet der Biber sogenannte „Biberburgen“, deren Eingang stets unter Wasser liegt und so Schutz vor Feinden bietet. Dabei unterscheidet man zwischen freistehenden Burgen aus Ästen, Schlamm und Holzmaterial sowie Erdbauten, bei denen der Biber seine Wohnkammer direkt in steile Uferböschungen gräbt. Der Bau von Dämmen verfolgt dann vor allem das Ziel, den Wasserstand in einem Gewässer anzuheben. Dadurch entstehen ausreichend tiefe Wasserbereiche, die dem Biber Schutz vor natürlichen Feinden bieten und den Zugang zur Biberburg auch im Winter sichern.

Foto: Monika Eder- Trenkwalder
Gesamtheitlicher Artenschutz vs. Artschutz

Aus naturschutzfachlicher Sicht können die Bautätigkeiten des Bibers Lebensräume strukturell aufwerten. Durch Feuchtgebiete, Totholzbereiche und überstaute Uferzonen profitieren etwa Amphibien, Libellen, Wasservögel und andere an Feuchtlebensräume angepasste Organismen. Auch Fische können durch Totholz geschützte Einstände finden. Gleichzeitig können Biberdämme Laichwanderungen behindern, kiesige Laichplätze überstauen, verschlammen oder für Fische unzugänglich machen. Besonders problematisch ist dies dort, wo gefährdete oder geschützte Fischarten betroffen sind bzw. Fischgemeinschaften leben, die an kalte Wassertemperaturen und schnelle Fließgeschwindigkeiten angewiesen sind. Gesamtheitlicher Artenschutz muss daher auch solche Nachteile berücksichtigen: Ziel ist nicht der Schutz einer einzelnen Art um jeden Preis, sondern ein ausgewogener Schutz der gesamten Lebensgemeinschaft. Skurril und fachlich bedenklich wird es dann, wenn Flussrenaturierungen aufgrund eines Biberdamms nicht umgesetzt werden können.

Dazu braucht es standortbezogene Lösungen: Das gezielte Management von Biberdämmen, den Schutz sensibler Gewässerabschnitte inkl. Gewässerrandstreifen, freie Fischwanderkorridore und langfristig vor allem mehr Raum für naturnahe Gewässer. Bis Gewässerlebensräume und Flussauen wieder renaturiert bzw. hergestellt sind, können maßvolle Entnahmen von Bibern ein probates Mittel sein, um die Balance an belasteten Gewässern wiederherzustellen. In anderen Bundesländern werden Entnahmen von Bibern bereits umgesetzt.

Wo der Biber staut, verlieren Forelle und Äsche ihren Lebensraum

Aus Sicht des Fischschutzes beschränken sich die positiven Effekte jedoch vor allem auf Gewässer, die zu groß für einen Biberdamm sind, aber die positiven Einflüsse der Totholzeinbringung durch den Biber zu Tragen kommen. An kleineren Fließgewässern der Forellen- sowie Äschenregion führen die Bautätigkeiten des Bibers hingegen vermehrt zu starken Problemen. Diese Gewässer stellen für den Biber wegen der hohen Fließgeschwindigkeiten eigentlich suboptimale Lebensräume dar. Durch die anthropogene Überprägung der Tiroler Gewässer und kaum mehr vorhandene Auenlandschaften, Nebenarme und Altwässer muss der Biber auf schnell fließende Bäche ausweichen und hier seine Dämme und Burgen errichten. Das Ausweichen auf diese – für ihn suboptimalen – Lebensräume gefährdet wiederum heimische, bedrohte Fischarten wie die Bachforelle oder die Äsche:

  • Die offensichtlichste Auswirkung stellt wohl der Damm als Querbauwerk dar. Fische sind auf die Durchgängigkeit eines Fließgewässers angewiesen, um unterschiedliche Wanderungen durchführen zu können (zum Nahrungserwerb, Erreichen des Wintereinstands etc.). Im schlimmsten Fall können Fische ihre Laichhabitate flussauf des Damms nicht mehr erreichen; die Fischpopulation bricht ein. Sämtliche Versuche Biberdämme Fischdurchgängig zu machen sind in der Praxis schließlich gescheitert.
  • Durch den Bau von Dämmen können unterliegende Gewässerabschnitte trocken fallen, und dadurch Fische oder geschonte, seltene heimische Muscheln verenden.
  • Mit der Aufstauung des Gewässers geht zudem eine massive Veränderung der Gewässercharakteristik einher. Einerseits werden die Fließgeschwindigkeiten deutlich herabgesetzt, was zur Erwärmung des Wassers und so zu einer generellen Abnahme des Sauerstoffgehaltes im Wasser führt. Dies stellt insbesondere für kälteliebende Fischarten wie Bachforelle, Äsche, Elritze und Koppe ein Problem dar und kann z.B. auch zu einer Unterversorgung der abgelegten Eier im Kiesgrund führen. Durch die geringen Fließgeschwindigkeiten verändert sich auch der Gewässergrund: Feinsedimente werden schlechter abtransportiert und überlagern die Sohle. In Folge verschlammen die Laichgründe, was wiederum zu Bestandseinbrüchen führt.
  • Durch den Verbiss an der Ufervegetation gehen wichtige Funktionen der Pflanzen für das Gewässer verloren. Insbesondere das Fällen des Bibers von großen Charakterbäumen, führt dazu, dass diese als wesentliche Schattenspender verloren gehen und so der Puffereffekt auf die Klimaerwärmung stark gemindert wird. Die Gewässer erwärmen sich so deutlich schneller und gehen als geeigneter Lebensraum für heimische Fischarten zunehmend verloren.

Ein grundlegendes Problem im Zusammenhang mit dem Biber ist die stark vom Menschen geprägte Kulturlandschaft. Viele Gewässer sind heute eingefasst, strukturell verarmt und energiewirtschaftlich genutzt. Dadurch fehlt jene natürliche Dynamik, durch die Biberdämme in stark strömenden Gewässern normalerweise wieder beschädigt, umgelagert oder aufgelöst würden. Gleichzeitig verschärft sich der Nutzungskonflikt zwischen Biber und heimischen Fischarten, weil zahlreiche Seitengewässer und Zubringer – etwa des Inns – durch Regulierungen, Querbauwerke oder veränderte Abflussverhältnisse nur eingeschränkt oder gar nicht mehr fischpassierbar sind. Wenn ein Biber gerade einen der wenigen noch für Fische nutzbaren Zubringer als Revier nutzt, ist der Artenschutzkonflikt umso intensiver.