Wasserkraft-Ausbau mit Augenmaß: Tiroler Fischereiverband fordert klare NO-GO-Areas

Der Nationalrat hat vor Kurzem das Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz beschlossen. Was als Instrument zur Beschleunigung der Energiewende gedacht ist, ermöglicht gleichzeitig auch massive Eingriffe in die letzten Tiroler Wasserschätze. Der Tiroler Fischereiverband sieht zwar einen Teilerfolg darin, dass zumindest jene Gewässerstrecken verschont bleiben sollen, die in einem sehr guten Zustand sind. Bevor alle anderen Bäche jedoch Gefahr laufen mit Kleinwasserkraftwerken verbaut zu werden, sind aus unserer Sicht NO-GO-Areas notwendig.

Geradein Tirol geht es buchstäblich um die Rettung der Wasserschätze. Dass Gewässer in sehr gutem Zustand nach dem beschlossenen Gesetz nicht einfach verbaut werden dürfen, ist vor allem auch den Einwänden von WissenschafterInnen, Umweltorganisationen und den Fischereiverbänden zu verdanken.

Doch dieser Teilerfolg wird keinesfalls genügen. Denn gerade in Tirol gibt es ökologisch wertvolle Gewässer, die nach dem neuen Gesetz jetzt leichter mit Kleinwasserkraftwerken verbaut und damit ökologisch nachhaltig geschädigt werden könnten.

Der Tiroler Fischereiverband fordert deshalb die Festlegung von NO-GO-Areas. Gemeint sind damit Gewässerschutzzonen, in denen der Bau von Kleinkraftwerken ausgeschlossen ist. „Solche NO-GO-Areas sind als Ausgleich zu den geplanten Beschleunigungszonen unbedingt notwendig, wenn wir nicht unsere Wasserschätze für einen geringen Energiegewinn opfern wollen. Denn dann wäre die vielfältige Unterwasserwelt unwiederbringlich verloren“, warnt Andreas Schiechtl, Landesobmann des Tiroler Fischereiverbandes.

Klare Forderungen an das Land

In der Pflicht sieht der Fischereiverband hier das Land Tirol. Denn für die geforderten NO-GO-Areas und Regionalprogramme liegt die Kompetenz beim Land und nicht beim Bund.

Die Forderungen des Fischereiverbandes sind klar:

  • Zuerst müssen bestehende Kraftwerke modernisiert und ökologisch optimiert werden. Das wäre eine Win-Win-Situation für die Energiegewinnung und den Artenschutz in Gewässern.
  • Ausweisung von „No-Go-Areas“ bzw. Gewässerschutzzonen. Noch intakte Flussabschnitte müssen gesetzlich vor weiteren Ausbauprojekten verschont werden. Wenn schon Beschleunigungszonen für Wasserkraftwerke ausgewiesen werden sollen, müssen im Gegenzug zumindest wertvolle Gewässerstrecken streng geschützt werden.
  • Renaturierungen und Revitalisierungen sind zu beschleunigen – sonst gerät das ökologische Gleichgewicht völlig aus den Fugen. Die Situation der heimischen Fischfauna ist bereits heute alarmierend. 62 Prozent der 76 heimischen Fischarten gelten in Österreich als ausgestorben, gefährdet oder bedroht. Rund 80 Prozent der österreichischen Flussstrecken werden bereits energiewirtschaftlich genutzt.
  • Der gemeinsame Fokus muss auf der Schaffung moderner Speicherlösungen liegen, die nach dem geschlossenen Kreislaufprinzip funktionieren (z. B. Kopswerk II der Illwerke in Vorarlberg), diese speichern Energie ohne natürliche Gewässer zu belasten.

Viel Schaden – wenig Nutzen

Besonders kritisch sieht der Tiroler Fischereiverband den energiewirtschaftlichen Nutzen eines weiteren Ausbaus der Kleinwasserkraft.

Tirol verfügt über nahezu 1.000 Wasserkraftwerke, dabei liefern wenige große Anlagen den Großteil des Stroms. 728 Tiroler Kleinstwasserkraftwerke produzieren hingegen lediglich 3,77 Prozent des Stroms. Gleichzeitig leisten sie nur einen geringen Beitrag zur notwendigen Winterstromversorgung, da die Wasserführung vieler Bäche gerade in den Wintermonaten stark zurückgeht. Hinzu kommt, dass schon jetzt immer mehr und immer öfters Wasserkraftwerke abgeschaltet werden, weil kein Strom aus Wasserkraft benötigt wird und auf den Börsen sogar negative Strompreise vorherrschen. Das trifft vor allem Kleinwasserkraftwerke.

„Die Energiewende darf nicht gegen den Gewässerschutz ausgespielt werden. Tirol braucht erneuerbare Energie, aber nicht jedes Kraftwerk ist automatisch sinnvoll. Entscheidend ist, wo ausgebaut wird – und wo nicht“, so Andreas Schiechtl.

Der Tiroler Fischereiverband fordert daher rasch klare Schutzkriterien festzulegen und verbindliche No-Go-Areas, um die Wasserschätze auch für nächste Generationen zu bewahren.